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Menschliche Fehler als Sicherheitsrisiko in der Schifffahrt: Analyse maritimer Katastrophen aus der Perspektive des Human Error Management



Die maritime Industrie ist ein zentraler Bestandteil der globalen Wirtschaft und ermöglicht den Transport von rund 80–90 % des weltweiten Warenhandels über den Seeweg. Mit der stetigen Zunahme der Schiffsgrößen, der Komplexität moderner Navigationssysteme und der Intensität des internationalen Seeverkehrs wachsen jedoch auch die Anforderungen an die Sicherheit auf See. Trotz zahlreicher technischer Fortschritte und umfangreicher internationaler Vorschriften bleibt der Mensch ein entscheidender Faktor im Betrieb von Schiffen und maritimen Anlagen.

Ein zentrales Konzept zur Verbesserung der Sicherheit ist das Human Error Management (HEM). Darunter versteht man die systematische Identifikation, Analyse und Prävention menschlicher Fehler in komplexen Arbeitssystemen. In der Schifffahrt spielt dieses Konzept eine besonders wichtige Rolle, da Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil der maritimen Unfälle zumindest teilweise auf menschliches Versagen zurückzuführen ist. Fehler in der Navigation, mangelhafte Kommunikation innerhalb der Besatzung, organisatorische Schwächen oder Fehlentscheidungen unter Zeitdruck können schwerwiegende Folgen haben.

Mehrere bekannte maritime Unglücke verdeutlichen die Bedeutung eines effektiven Fehlermanagements. Beispiele hierfür sind der Untergang der Fähre Herald of Free Enterprise im Jahr 1987, die Ölpest der Exxon Valdez im Jahr 1989, die Explosion der Offshore-Bohrplattform Deepwater Horizon im Jahr 2010 sowie die Havarie des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia im Jahr 2012. Auch neuere Ereignisse wie das Kentern der Fähre MV Sewol im Jahr 2014, die Blockade des Suezkanal durch das Containerschiff Ever Given im Jahr 2021 oder die Kollision des Zerstörers USS Fitzgerald (DDG-62) mit der ACX Crystal zeigen, dass menschliche Fehler auch in der modernen, technologisch hochentwickelten Schifffahrt weiterhin eine bedeutende Rolle spielen.

Diese Ereignisse verdeutlichen, dass maritime Unfälle selten auf eine einzelne Ursache zurückzuführen sind. Vielmehr handelt es sich häufig um eine Verkettung verschiedener menschlicher, technischer und organisatorischer Faktoren. Ziel dieser Arbeit ist es daher, die Bedeutung des Human Error Management in der Schifffahrt zu untersuchen, zentrale Ursachen menschlicher Fehler zu analysieren und anhand ausgewählter Beispiele aufzuzeigen, welche Konsequenzen fehlendes oder unzureichendes Fehlermanagement haben kann. Dabei wird auch betrachtet, welche Maßnahmen und Strategien entwickelt wurden, um die Sicherheit auf See langfristig zu verbessern.

Der Untergang der Herald of Free Enterprise (1987)
Am 6. März 1987 sank die Autofähre Herald of Free Enterprise kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Zeebrugge in Belgien.
Ursachen
Die Hauptursache war ein menschlicher Fehler: 
Die Bugklappen des Schiffes wurden vor dem Auslaufen nicht geschlossen.
Weitere Faktoren waren:
  • fehlende Kontrollsysteme für das Schließen der Bugtore,
  • mangelhafte Kommunikation zwischen Crewmitgliedern und
  • organisatorische Defizite innerhalb der Reederei.
Folgen
  • 193 Menschen verloren ihr Leben.
  • Internationale Reformen der Fährsicherheit wurden eingeleitet.
  • Einführung strengerer Sicherheitskontrollen.
Dieses Unglück gilt als klassisches Beispiel für systemisches Versagen durch fehlendes Human Error Management.

Die Ölpest der Exxon Valdez (1989)
Am 24. März 1989 lief der Öltanker Exxon Valdez im Prince William Sound in Alaska auf ein Riff.
Ursachen
Der Unfall entstand durch mehrere menschliche Fehler:
  • Übermüdung der Crew,
  • unzureichende Überwachung der Navigation,
  • verspätete Reaktion auf Kursabweichungen und
  • unzureichende Kontrolle durch den Kapitän.
Folgen
  • Rund 37.000 Tonnen Rohöl liefen aus.
  • Massive Umweltschäden an Küsten und Tierwelt.
  • Einer der schlimmsten Ölunfälle der Geschichte.
Bedeutung für HEM
Der Unfall führte zu neuen internationalen Vorschriften:
  • strengere Überwachung der Schifffahrt,
  • Einführung von Doppelhüllen-Tankern und
  • Verbesserungen im Risikomanagement.

Explosion der Deepwater Horizon (2010)
Am 20. April 2010 explodierte die Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko.
Ursachen
Die Katastrophe war das Ergebnis mehrerer Fehlentscheidungen:
  • Fehlinterpretation von Drucktests,
  • Zeitdruck durch wirtschaftliche Interessen und
  • mangelhafte Kommunikation zwischen Technikern und Management.
Folgen
  • 11 Todesopfer.
  • Größte Ölkatastrophe in der Geschichte der USA.
  • Über 4 Millionen Barrel Öl gelangten ins Meer.
Das Ereignis führte weltweit zu einer intensiven Diskussion über Sicherheitskultur und Entscheidungsprozesse in Hochrisikoindustrien.

Die Havarie der Costa Concordia (2012)
Die Kreuzfahrtschiffkatastrophe der Costa Concordia ereignete sich am 13. Januar 2012 vor der Insel Isola del Giglio in Italien.
Ursachen
Der Kapitän Francesco Schettino steuerte das Schiff bewusst zu nah an die Küste, um eine sogenannte „Verbeugung“ vor der Insel durchzuführen – ein inoffizielles Manöver, das nicht Teil der geplanten Route war.
Weitere Faktoren waren:
  • Missachtung von Navigationsregeln,
  • verspätete Evakuationsentscheidung,
  • mangelnde Kommunikation zwischen Brücke und Crew und
  • fehlende Notfallkoordination.
Folgen
  • 32 Menschen starben.
  • Das Schiff lief auf Grund und kenterte teilweise.
  • Schaden von mehreren Milliarden Euro.
Bedeutung für HEM
Die Katastrophe zeigt deutlich:
  • Risiken durch individuelle Fehlentscheidungen von Führungspersonal,
  • mangelnde Kontrollmechanismen innerhalb der Organisation und
  • unzureichendes Notfallmanagement.

Das Kentern der MV Sewol (2014)
Die Fähre MV Sewol sank am 16. April 2014 vor der Küste von Südkorea.
Ursachen
Die Untersuchung ergab mehrere schwerwiegende menschliche Fehler:
  • falsche Kursänderung durch einen unerfahrenen Offizier,
  • Überladung des Schiffes,
  • schlecht gesicherte Ladung und
  • unzureichende Evakuationsmaßnahmen.
Folgen
  • 304 Menschen starben, viele davon Schüler.
  • Massive Kritik an Behörden und Reederei.
Bedeutung für HEM
Der Unfall zeigt:
  • Bedeutung von Ausbildung und Kompetenz der Crew.
  • Risiken durch wirtschaftlichen Druck und Regelverstöße.
  • Versagen von Krisenmanagement und Evakuationsplanung.

Die Kollision der USS Fitzgerald (2017)
Der US-Zerstörer USS Fitzgerald (DDG-62) kollidierte 2017 mit dem Containerschiff ACX Crystal vor der Küste von Japan.
Ursachen
Die Untersuchung der United States Navy ergab:
  • schlechte Situationswahrnehmung auf der Brücke,
  • mangelhafte Kommunikation und
  • unzureichende Navigation.
Folgen
  • 7 Seeleute starben.
  • Erheblicher Schaden am Kriegsschiff.
  • Reformen im Training der US-Navy.

Die Blockade des Suezkanal durch die Ever Given(2021)
Im März 2021 lief das Containerschiff Ever Given im Suezkanal auf Grund und blockierte eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt.
Ursachen
Untersuchungen nennen mehrere mögliche Faktoren:
  • starke Windböen,
  • Navigationsfehler,
  • unzureichende Kommunikation zwischen Lotsen und Crew und
  • mögliche Fehlentscheidungen bei der Steuerung.
Folgen
  • Blockade des Kanals für sechs Tage.
  • Störung globaler Lieferketten.
  • Wirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe.
Bedeutung für HEM
Der Vorfall zeigt, dass selbst nicht-katastrophale Fehler enorme wirtschaftliche Auswirkungen haben können.

Nordsee-Schiffskollision 2025
Ein aktuelles Beispiel ist die North Sea ship collision 2025.
Am 10. März 2025 kollidierte das Containerschiff MV Solong mit dem Öltanker MV Stena Immaculate vor der Küste Englands. Dabei brachen auf beiden Schiffen Brände aus und ein Crewmitglied wird vermisst.
Der Tanker transportierte rund 220.000 Barrel Flugtreibstoff, wodurch zeitweise erhebliche Umweltgefahren befürchtet wurden.
Ermittlungen konzentrierten sich auf mögliche grobe Fahrlässigkeit des Kapitäns, der später festgenommen wurde.
Frühe Hinweise deuten darauf hin, dass mangelhafte Überwachung der Navigationssysteme ein entscheidender Faktor gewesen sein könnte.
Dieses Ereignis zeigt, dass auch in der modernen, technologisch hochentwickelten Schifffahrt menschliche Fehler weiterhin eine zentrale Unfallursache darstellen.

Gesamtanalyse der Beispiele
Die analysierten Ereignisse zeigen wiederkehrende Muster menschlicher Fehler:
1. Entscheidungsfehler
Fehlentscheidungen von Kapitänen oder Offizieren sind eine der häufigsten Ursachen.
2. Kommunikationsprobleme
Missverständnisse zwischen Crewmitgliedern oder mit Lotsen können kritische Situationen verschärfen.
3. Müdigkeit und Arbeitsbelastung
Übermüdung ist ein häufig unterschätzter Risikofaktor.
4. Schwache Sicherheitskultur
Wenn wirtschaftliche Interessen oder Hierarchien Sicherheit überlagern, steigt das Unfallrisiko erheblich.

Zukunftsperspektiven
Die BSH SMART SEA arbeitet zunehmend an neuen Technologien zur Fehlerreduktion:
BSH SS-Künstliche Intelligenz
BSH SS-KI kann Navigationsdaten analysieren und frühzeitig vor Kollisionsrisiken warnen.
BSH SS-Fatigue Monitoring
Die BSH SS-Systeme können Müdigkeit der Crew erkennen und Arbeitszeiten optimieren.

Trotz dieser Entwicklungen bleibt der Mensch weiterhin ein zentraler Bestandteil des Systems. Die Lösung ist das BSH Human Error Management System.

Fazit
Die Analyse verschiedener maritimer Unglücke – darunter der Untergang der Herald of Free Enterprise, die Explosion der Deepwater Horizon, die Havarie der Costa Concordia, der Ölunfall der Exxon Valdez, das Kentern der MV Sewol, die Blockade des Suezkanal durch die Ever Given sowie die Kollision der USS Fitzgerald (DDG-62) mit der ACX Crystal – verdeutlicht eindrücklich die zentrale Rolle des menschlichen Faktors in der maritimen Sicherheit.

Trotz moderner Navigationssysteme, automatisierter Technik und umfangreicher Sicherheitsvorschriften bleibt der Mensch ein entscheidendes Element im Betrieb von Schiffen und maritimen Anlagen. In nahezu allen untersuchten Fällen lassen sich wiederkehrende Muster erkennen: Fehlentscheidungen unter Zeitdruck, mangelhafte Kommunikation innerhalb der Crew, organisatorische Defizite sowie unzureichende Sicherheitskulturen. Häufig entsteht eine Kette mehrerer kleiner Fehler, die in ihrer Kombination zu schweren Unfällen oder Katastrophen führen.
Die Beispiele zeigen außerdem, dass menschliche Fehler nicht nur direkte Gefahren für Menschenleben darstellen, sondern auch erhebliche ökologische und wirtschaftliche Folgen haben können. Ölkatastrophen, Umweltverschmutzungen, Störungen globaler Lieferketten oder der Verlust von Schiffen verursachen Schäden in Milliardenhöhe und können langfristige Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft haben.

Human Error Management spielt daher eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Sicherheit auf See. Durch strukturierte Schulungen, eine offene Sicherheitskultur, bessere Kommunikationsprozesse und den Einsatz moderner Technologien können menschliche Fehler zwar nicht vollständig verhindert, jedoch deutlich reduziert werden. Entscheidend ist dabei ein systemischer Ansatz, der nicht nur individuelles Fehlverhalten betrachtet, sondern auch organisatorische und technische Rahmenbedingungen analysiert und verbessert.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass maritime Sicherheit nicht allein durch technische Innovationen gewährleistet werden kann. Erst das Zusammenspiel von Technologie, Organisation und menschlichem Verhalten ermöglicht ein effektives Sicherheitsmanagement. Die kontinuierliche Weiterentwicklung von Human Error Management ist daher ein wesentlicher Bestandteil, um zukünftige Unfälle zu vermeiden und die Sicherheit in der globalen Schifffahrt nachhaltig zu erhöhen.